Gedanken zu Kiai

Teilbild entnommen aus www.nantanreikan.ca

Ein Gedankenspiel zum KIAI

„Die schreien alle so komisch“ – so ein Kommentar von manch einem Zuschauer einer Karatevorstellung oder einer Trainingseinheit. Warum eigentlich?

Das Wort „Kiai“ ist eine Ableitung der zwei Silben „Ki“, gleichbedeutend mit der inneren Lebensenergie, und „Ai“, der Harmonie bzw. Einheit. Es soll den Einklang der Bewegung mit der persönlichen Einstellung symbolisieren, also den Rhythmus.

Weiter liegt auf der Hand: durch das laute Schreien soll dem Körper frischer Sauerstoff zugeführt werden, da sich sie Lungen unmittelbar vorher richtig füllen. Also Atmung - ganz klar! Doch wenn man nur diese Betrachtungsweise als die einzig Richtige hinnimmt, so leugnet man die weiteren Aspekte eines „Kiai.“


Der Kampfschrei ist mehr als nur Sauerstoff tanken. Durch die Anspannung der Bauchmuskulatur beim gewollten schnellen Ausströmen der Luft wird automatisch ein „Schutzschild“ aufgebaut. Dieses Schild besteht zum einen aus Muskeln und zum anderen aus einer Art „psychologischer Energie.“ An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass der Kampfschrei nicht durch die Stimmbänder hervorgerufen wird, sondern aus dem Bauch heraus ertönt. Was der außen stehende Hörer eines „Kiai“ zu vernehmen vermag, ist vom Ausführenden selbst stets unterschiedlich und individuell. Eines sei aber gewiss: ein wörtlich  „Kiai!!“ schreiender Kämpfer scheint jedes Mal den Sinn zu verfehlen. [Persönliche Bemerkung / Beispiel: dies wäre mit einem Verletzten vergleichbar, der schreiend „Schmerz!!!“ von sich gibt. Auch ein Niesender gibt einen ähnlichen Laut wie „A-Chi!!“ von sich und nicht „Niesen!!“]


Betrachten wir die erste, also die direkte und aktive Schutzwirkung des Kiai und die Resultate auf das Skelett und die inneren Organe, welche sich im Rumpf des Körpers befinden. Ohne Muskeln wären sie der Krafteinwirkung, bedingt durch Schläge oder Stöße, vollkommen ausgeliefert. Irreparable Schäden wären oft die Folge: Risse der Milz und Rippenbrüche als Beispiel. Durch die Anspannung der Muskulatur sowie durch das starke Ausströmen der Luft  bei einem richtig ausgeführten „Kiai“ wird dem Körper eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber Schlägen verliehen; beim Einatmen hingegen ist der Körper verletzbar.


Die zweite Art des „Schutzschildes“ besteht darin, den Gegner psychologisch zu besiegen: ein undefinierbarer lauter Schrei lässt schon viele zusammenzucken und einschüchtern. So kann ein weiteres Vorhaben seitens des Angreifers gemindert werden. Hierfür muss natürlich eine bestimmende Absicht zu vernehmen sein – nämlich  die einer Kampfbereitschaft mit einem weitaus höheren „Aggressionspotential“ als die des Gegners selbst (siehe auch "Gedanken zu Selbstverteidigung"). Ein leiser Hauch hingegen zeigt die eigene Verunsicherung und Angst.


Desweiteren begünstigt die Kontraktion der Bauchmuskulatur beispielsweise die Beschleunigung  eines Fauststoßes, denn durch ihr  Zusammenziehen bewegt sich ebenfalls die Schulterpartie leicht nach vorne, was eine zusätzliche Geschwindigkeitssteigerung des Armes und somit auch der Faust bewirkt. Physikalisch bedeutet dies, dass der Stoß, also die Energie, die abgegeben wird, u.a. von der Geschwindigkeit abhängig ist – und dies zum Quadrat. Die Formel lautet E=1/2 mv². Die Masse des Armes kann in solch einer kurzen Zeit (also während eines Stoßes) nicht erhöht werden und gilt daher als  konstant. Somit ist die Erhöhung der Geschwindigkeit die einzige Möglichkeit einer Technik mehr Kraft zu verleihen.


Die anderen Körperteile (Rumpf, Hüfte, Beine) spielen dabei eine nicht unbedeutende Rolle, denn deren nach vorne bewegte Masse addiert sich während der Einwirkung des Schlages / Stoßes. So kommt der Rhythmus, die Harmonie, das „Ai“ zu Tragen. Unterstützend wirkt sich die optimale Körperanspannung im richtigen Moment  aus; erst sie ermöglich einen optimalen Wirkungsgrand eines Stoßes / einer Technik. Ein schwacher, nicht angespannter Körper, dem eines Gummistabes vergleichbar, amortisiert und gibt nach, mit der Folge einer ebenfalls schwachen Technik.


Was sich allerdings noch hinter dem Kampfschrei verbirgt, erfahren nicht selten erst die langjährigen Kampfsportler sowie die höheren DAN-Grade. Aber eines ist und bleibt Unfug: der „Kiai-K.O-Schrei“. Kein (Über)Mensch der Welt kann mit seinen Gedanken oder mit seinem „Kiai“-Schrei andere niederstrecken oder bezwingen. Hier ist ein Ohren betäubender Lärm, welchen die menschlichen Stimmbänder verursachen, nicht ernst zu nehmen. Eine Druckwelle (Schall), die bestimmte Zerstörungskraft besitzt, kann der menschliche Körper von selbst nicht erzeugen.  Hier ein paar wenige Beispiele für eine/n Selbstdarstellung, Betrug, Übertreibung sowie Nichtverständnis eines „Kiai“.

In den verschiedenen Kampfkünsten haben sich viele Deutungen und Praktika des „Kiai“ etabliert, doch sie alle haben ein und dieselbe Bedeutung: Einheit, Energie und Stärke, Entspannung und Anspannung. Leider wird in den vielen Kampfsportschulen / Vereinen nicht viel über den „Kiai“ vermittelt, schlichtweg weil das Wissen darüber nicht vorhanden ist. Die folgenden Videos sind ebenfalls nur ein Versuch, den Kiai zu erklären (auf Englisch).

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